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Das Claviciterium

Claviciterium, süddeutsch (Ulm?) ca. 1480;
London, Royal College of Music Museum of Instruments

Dies ist eines der ältesten erhaltenen Kielklaviere überhaupt. Trotz der tiefgehenden Beschädigungen und Verluste einzelner Teile über die Jahrhunderte sind einige wichtige Details
wie z. B. der helle Führungsrechen für die Docken direkt unterhalb der aufwändigen Verzierung zu erkennen.

Musikbeispiel:
Ausschnitt aus Ludwig Senfl: Homo quidam fecit cenam
gespielt von René Clemencic
Instrument: Philippe Humeau, Nachbildung des Claviciterium London RCM

Musikbeispiel:
Ausschnitt aus Guillaume de Machaut: "De toutes flours" aus Codex faeza, Italien 15. Jh.
gespielt von Marcel Pérès
Instrument: Emile Jobin, Kopie eines ital. Claviciteriums (mit Darm-Besaitung) des 15. Jhs.

 


Das Claviciterium war recht beliebt, aber trotzdem selten. Die Spieler schätzten an dem Instrument seine optimale Klangabstrahlung, denn die Saiten befanden sich auf Kopfhöhe, ein Vorzug, der später auch zur zeitweiligen Beliebtheit von aufrechtstehenden Hammerflügeln beitragen sollte. Doch der Spielmechanismus aller aufrechtstehenden Flügel – ob nun Cembalo oder Pianoforte – war über alle Maßen kompliziert, denn Springer oder Hämmer kehrten nach dem Loslassen der Taste nicht von selbst (d. h. eigentlich: durch die Schwerkraft) in ihre Ausgangsposition zurück.


Dieses Problem musste etwa durch eigene Rückholfedern oder Ausgleichsgewichte an den Tasten (bei zusätzlich mit den Tastenenden durch ein Gelenk verbundenen Springern) gelöst werden. Egal, welche Konstruktion angewandt wurde, die Spielmechanik eines Claviciteriums war immer erheblich komplizierter und vor allem schwergängiger als die eines horizontalen Instruments. Daher wurden Claviciterien oft bestaunt (kein Traktat der Zeit übergeht sie), spielten aber in der Musikpraxis keine allzu große Rolle.

Ihr „Kuriositätswert“ führte jedoch dazu, dass vergleichsweise viele Claviciterien über die Jahrhunderte bewahrt wurden. Nicht ganz zufällig ist das hier abgebildete Claviciterium gleichzeitig eines der ältesten erhaltenen Cembali überhaupt. Man nimmt heute an, daß es in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in einer der oberdeutschen Reichsstädte (vermutlich Ulm) oder eventuell in Italien entstanden sein dürfte.

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