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Das Virginal

Doppelvirginal

Doppelvirginal: Mutter und Kind, von Martinus van der Biest
Antwerpen 1580; Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum

Eine Besonderheit der flämischen Virginalbauer waren die Doppelvirginale. In eine Art Schublade eines achtfüßiges Virginals wurde ein vierfüßiges Virginal so eingefügt, daß die beiden Instrumente nebeneinander sitzend von zwei Personen gespielt werden konnten. Man konnte das kleinere Virginal aber auch herausnehmen und, wie hier
zu sehen, über die Tastatur


 

Musikbeispiel:
Ausschnitt aus Jan Pieterszoon Sweelinck: More Palation
gespielt von Gustav Leonhardt
Instrument:
Doppelvirginal: Mutter und Kind, von Martinus van der Biest, Antwerpen 1580; Germanisches Nationalmuseum Nürnberg


Das Zentrum des Cembalobaus in Flandern bildete seit dem 16. Jahrhundert Antwerpen und hier die seit 1579 dort tätige Familie Ruckers (später Couchet); im 18. Jahrhundert erwarb die Familie Dulcken noch einmal vergleichbaren Ruhm.

Ein Kennzeichen des flämischen Cembalobaus war die Typenvielfalt: Neben flügelförmigen Instrumenten in verschiedenen Längen (und damit auf verschiedenen Tonhöhen) und mit bis zu drei Registern entstanden Virginale sowohl mit zentraler als auch mit asymmetrisch angebrachter Tastatur entweder links (zur Verwirrung der Nachwelt genannt „Spinett“) oder rechts (genannt „Muselaar“) von der Mitte. Da sich hiermit auch die Positionen der Springer an den Saiten veränderten (beim „Muselaar“ etwa nahezu in der Mitte der Saite), klangen diese Typen sehr unterschiedlich.
Eine weitere Besonderheit waren die „Mutter und Kind“-Virginale, eigentlich Doppelinstrumente, die nebeneinander in einem gemeinsamen Kasten gespielt werden konnten. Man konnte allerdings das kleinere „Kind“, das eine Oktave höher als die „Mutter“ gestimmt wurde, auch auf das größere Instrument setzen und dann auf zwei Manualen spielen.

Die Instrumente wurden aussen oft aus dem leichten Lindenholz gebaut, was relativ dicke Wände erforderte. Dies ermöglichte zwar, auf äußere Kästen (wie in Italien) zu verzichten, doch waren die Instrumente insgesamt durchaus schwer, um dem größeren Saitenzug standzuhalten. Die große Masse nahm den Instrumenten etwas die Schnelligkeit der Ansprache, doch sorgte sie andererseits für einen deutlich besseren Nachhall des Tons, was als Vorbild für Klangentfaltung galt. Mit Ausnahme Italiens beeinflusste so der flämische Cembalobau auch den in anderen Ländern, denn die flämischen Cembalobauer produzierten nicht nur für den heimischen Absatzmarkt, ihre Instrumente wurden in großer Zahl vor allem nach Frankreich und England, aber auch in andere Länder exportiert; eines der ältesten Instrumente von Hans Ruckers von 1581 blieb beispielsweise in Peru erhalten.

Flämische Cembali wurden über Jahrhunderte gepflegt, repariert, umgebaut und kopiert – in Frankreich etwa gab es ausgesprochene Spezialisten für die Anpassung flämischer Cembali an die jeweils modernen Anforderungen der Epoche. In England war man anscheinend besonders geschickt im Kopieren – eines der berühmtesten in England gebauten Cembali (in „Ham House“) erscheint äußerlich als ein Ruckers-Cembalo der Zeit um 1630, ist aber nach 1700 täuschend ähnlich „nachempfunden“ worden.

Zum Stil der Ruckers gegen Ende des 16. Jahrhunderts zählte auch, Tasteninstrumente als ausgesprochen dekorative Möbelstücke zu gestalten – die flämischen Cembali und Virginale der Familie Ruckers und anderer waren nicht nur ein Klangerlebnis, sondern auch ein Genuss für das Auge. Kaum eine sichtbare Fläche, kaum ein erkennbares konstruktives Detail blieb ohne visuelle Gestaltung (die Cembalobauer gehörten nicht zufällig zur selben Zunft wie Maler, in Antwerpen die St. Lukasgilde). Und so erwecken die Interieurs der flämisch-niederländischen Maler des 17. Jahrhunderts, allen voran Vermeer, auch nicht ganz zufällig den Eindruck, dass ein Virginal damals unverzichtbar in jeden Haushalt gehörte.

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