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Das Reisecembalo

Reisecembalo
Reisecembalo geschlossen

Reisecembalo Marius, Musée d'Instruments, Paris, Cité de la Musique

 

Ein Problem, das erfinderische Geister immer wieder beschäftigte: wie sollten Tasteninstrumente beschaffen sein, die ohne Probleme transportabel sind. Einige Konstruktionen des 16. bis 18. Jahrhunderts, wie gebundene Clavichorde oder italienische Cembali (ohne Kasten) konnten von einer Person oder eventuell zwei Personen getragen werden und kamen daher dieser Vorstellung von sich aus recht nahe. Kleinorgeln unterschied man traditionell nach ebendiesen Eigenschaften in zwei Typen, das Portativ (lat. portare „tragen“; also etwa „tragbar“) und das Positiv (lat ponere „stellen“; (um-)„stellbar“). Die großen nordalpinen Cembali waren dagegen Möbelstücke mit respektablen Ausmaßen und daher nur noch mit Mühe zu bewegen. So ist es durchaus naheliegend, daß die vielleicht kreativste Entwicklung eines transportablen Cembalos von einem französischen Cembalobauer stammte.

Jean Marius stellte im Jahr 1700 der Académie in Paris ein zusammenklappbares Cembalo vor, das fortan geradezu das Muster des „Reisecembalos“ bilden sollte. Er zerlegte das Instrument der Länge nach in drei gleich breite Teile, die nebeneinandergelegt ein einmanualiges Cembalo ergaben. Die Länge des Mittel- und des Diskantteils wurde so gewählt, daß sie – mit ihren rückwärtigen schmalsten Seiten – zueinandergeklappt werden konnten (ermöglicht durch ein spezielles Scharnier) und dann zusammen dieselben Maße einnahmen wie der Basskasten mit den tiefsten Saiten. Sodann aufeinandergelegt wurde daraus ein leicht transportabler, allseitig geschlossener stabiler Holzkasten, der auch den Stößen im Gepäckabteil einer schlecht gefederten Reisekutsche standhalten konnte und dennoch mit wenigen Handgriffen wieder in ein gebrauchsfertiges Cembalo aufgeklappt werden konnte – aber nicht ganz, denn nach dem Rütteln und Schütteln eines Transports auf kaum befestigten Wegen war zu erwarten, daß es zuerst einmal gründlich nachgestimmt werden mußte.
Marius nahm für dieses Problem eine Erfindung eines Kollegen in Dienst. Der Maître de la Musique Estienne Louilé stellte nur ein Jahr vor Marius der Academie eine von ihm erdachte Stimmvorrichtung für Cembali vor, ein Monochord mit einer einzelnen Taste und einem Cembalospringer, dessen Saite mit einem beweglichen Steg verkürzt wurde und jeden Ton der temperierten Oktave darstellen konnte. Das hier abgebildete Instrument aus dem Musée de la Musique Paris besitzt eine derartige Stimmhilfe nach dem Muster Louilés. Diese Stimmhilfe, so notwendig sie wohl war, ist nur bei einigen, offenbar besonders teuren Reisecembali Marius’ vorhanden.

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