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Der aufrechte Hammerflügel

(Abb. 1) Aufrechter Flügel, del Mela, Florenz 
(Abb. 1) Aufrechter Flügel, del Mela, Florenz
(Abb. 2) Giraffenflügel, London, Victoria and Albert Museum 
(Abb. 2) Giraffenflügel, London,
Victoria and Albert Museum
 

Der Bau aufrechter Hammerklaviere begann schon früh; das älteste erhaltenene derartige Instrument von Domenico del Mela (Firenze Museo del Conservatorio „Luigi Cherubini“) stammt aus dem Jahr 1739 (Abb.1). Wie bei den meisten aufrechten Instrumenten vor der Mitte des 19. Jahrhunderts handelt es sich dabei um einen aufrechtstehenden Flügel! Viele Instrumente dieser Art haben für heutige Betrachter geradezu etwas Beängstigendes: Sie haben nicht selten die Ausmaße eines zeitgenössischen „normalen“ Flügels und ragen dann über zweieinhalb Meter in die Höhe. Ein englischer „Upright Grand“ steht beispielsweise lediglich auf vier schlanken Holzbeinen und erweckt den Eindruck, zu jeder Zeit bei der kleinsten Berührung umzukippen. Wie bei wenigen anderen Klaviermodellen unterscheiden sich aufrechte Flügel sehr stark je nach Herkunft – in der Blütezeit dieser Instrumente von etwa 1790 bis nach 1830 hatte jede Klavierbauregion „ihr“ typisches Modell. Wiener Instrumente zeigten das Flügelprofil auch äußerlich, doch wurde die obere Spitze mit einer ausladenden ionischen Volute verziert und daneben oft noch eine „Säule“ angebaut – das Resultat bekam bald die treffende Bezeichnung „Giraffenflügel“ (Abb.2). Das typische Berliner Modell aus der darauf spezialisierten Werkstätte Schleip war dagegen der „Lyraflügel“ – symmetrisch und äusserlich wie eine riesige Lyra gestaltet, ein ideales Dekorationsmöbel für eine klassizistisch möblierte Haushaltung (Abb.3). Die englischen „Upright Grands“ (Abb.4) hatten überwiegend Schrankform, da der freie Raum über den kurzen Diskantsaiten für ein Bücherregal genutzt werden konnte (was die Stabilität dieser „Schrankflügel“ sicher nicht verbesserte).

(Abb. 3) Lyraflügel Schleip, Museum für Musikinstrumente der Universität Leipzig 
(Abb. 3) Lyraflügel Schleip, Museum für Musikinstrumente der Universität Leipzig
 (Abb. 4) Englisches Cabinet Grand 
(Abb. 4) Englisches Cabinet Grand
 

Die Mechaniken dieser aufrechten Flügel litten zudem an dem Problem, das den Instrumentenbauern schon beim Claviciterium Kopfzerbrechen bereitet hatte: Die Hämmer schlugen die Saiten nicht von unten, sondern praktisch horizontal an und fielen daher beim Loslassen der Taste nur zögerlich durch die Schwerkraft wieder zurück. Um diesem Übel abzuhelfen, mussten aufwendige und komplizierte Mechanikvarianten entwickelt werden, die zu einer eher schwergängigen Spielweise führten. Ein weiteres praktisches Problem war das Stimmen, da bei „unterstimmigen“ Instrumenten (Stimmstock und Wirbel am Unterende des Instruments) die Klaviatur den Zugang zu den Wirbeln unter Umständen blockierte, dagegen bei oberstimmigen“ Instrumenten sich die Wirbel in fast unerreichbarer Höhe befanden (Abb. unten).

(Abb. 5) Klavierstimmer, Abb. in Bradwood by appointment / Penny Magazine 1842
(Abb. 5) Klavierstimmer, Abb. in Bradwood by appointment / Penny Magazine 1842

Dennoch profitierte der Klavierbau insgesamt von den Erfahrungen, die man mit der insgesamt „verunglückten Konstruktion“ des aufrechtstehenden Flügels gemacht hatte. Das moderne Pianino, gewissermaßen ein „aufrechtes Tafelklavier“ erbte manche der technischen Verbesserungen, die ursprünglich für die „Uprights“, „Giraffen“ und Lyraflügel“ entstanden waren, allerdings auch einige der strukturellen Schwächen, wie sie etwa mit einer Mechanik mit aufrechtstehenden Hämmern zwangsläufig verbunden sind.

 

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