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Das Claviorganum

Claviorganum: Joseph Böhm, Wien ca. 1830; Privatsammlung

Kein Claviorganum ist wie das andere: Dieser typische Wiener Flügel der Biedermeier-Epoche besitzt unter dem Boden ein einzelnes Register Flöte 4‘, die Windlade ist unter der Claviatur sichtbar.

Das „Claviorganum” oder Orgelklavier, die Vereinigung von Orgel und Saitenklavier mit einer gemeinsamen Klaviatur, stellt wie auch die Streichklaviere eine jahrhundertealten Traum der Instrumentenbauer dar. In der Renaissance, vor allem im ausgehenden 16. Jahrhundert, waren derartige Orgelklaviere – in der Regel bestehend aus einer Vereinigung von Cembalo/Spinett/Virginal und einer Kleinorgel mit zwei bis etwa fünf Registern – recht beliebt und blieben auch in größerer Zahl erhalten, da die mechanische Komplexität der Konstruktion sie als ein bestaunenswertes Objekt für fürstliche Kunstkammern geradezu prädestinierte. Funktionsfähig sind nur wenige geblieben; das wohl älteste noch spielbare Instrument ist das Claviorganum von Josua Pockh von 1591, das sich heute in Salzburg befindet. Es besteht aus einem Spinett, in dessen Untergehäuse zwei Orgelregister Regal 8’ und Flöte (Gedackt) 4’ eingebaut sind. Derartige Register (Zungenstimmen mit kurzen Bechern, Gedackte) galten generell als für Claviorgana besonders geeignet, da sie halfen, in dem begrenzt verfügbaren Raum möglichst tiefe Stimmen unterzubringen.

Im ausgehenden 18. Jahrhundert wuchs das Interesse für Claviorgana erneut, als man nach Mitteln suchte, das Klavierspiel generell expressiver zu gestalten. Der Saiteninstrumententeil konnte sowohl ein Cembalo als auch ein Pianoforte – meist in Flügelform – sein. Die Orgelregister – in der Regel Gedackte – wurden in einem Unterbau je nach Größe oft horizontal untergebracht. Man versprach sich von der Kombination von „Klavier-“ und Orgelton vor allem die Fähigkeit, Töne lang auszuhalten oder eine Melodielinie besonders hervorzuheben. Zudem sollte die reizvolle Klangmischung die Gefühle der Zuhörer rühren. Man wählte daher besonders „kammermusikalische“ Orgelregister aus, die die Saiten nicht überdecken sollten. Der Klangeffekt hatte daher wenig mit dem einer traditionellen Orgel gemein.

Alle Claviorgana – unabhänging von dem zugrundegelegten Saiteninstrumententyp - besaßen jedoch ein ureigenstes Problem, das nicht zu lösen war: die mangelnde Beständigkeit der Stimmung. Nicht nur, dass Orgelpfeifen und gezupfte oder geschlagene Saiten zusammenzustimmen generell nicht einfach ist, sie verhalten sich bei Temperaturänderung unterschiedlich, indem sie sich bei Abkühlung oder Erwärmung in verschiedene Richtungen gegeneinander verstimmen. Wenn Saiten höher wurden, sanken die Pfeifen in der Tonhöhe und umgekehrt. Die Stimmung eines Claviorganums hielt nur bis zum nächsten Wetterumschwung, und wenn das Instrument an einem warmen Sommertag stimmte, war der Zusammenklang in der kühlen Nacht wieder dahin. Von allen „wetterfühligen“ Instrumenten (und Instrumentenmaterialien) kombinierte das Claviorganum nahezu alle unerwünschten Eigenschaften bis ins Extrem. Dennoch bestechen Claviorgana noch nach Jahrhunderten die Betrachter und Hörer, als technische Meisterwerke ebenso wie als Instrumente mit schier endlosen musikalisch-klanglichen Potentialen.

© Greifenberger Institut für Musikinstrumentenkunde 2010 | info@greifenberger-institut.de