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Die Klaviaturglasharmonika

Klaviatur-Glasharmonika, anonymer Stich Allgemeine Musikalische Zeitung (AMZ), 1. Jahrgang 1799.

Klaviatur-Glasharmonika, anonymer Stich
Allgemeine Musikalische Zeitung (AMZ), 1. Jahrgang 1799.

Einer der vielen Anläufe, eine Tastenglasharmonika zu entwickeln, wurde in der AMZ bekannt gemacht. Es existiert heute (nach der Kriegszerstörung des letzten bekannten Instruments im Leipziger Museum) keine historische Glasharmonika mit Klaviatur mehr.

 

Musikbeispiel:
Ausschnitt aus J.G. Naumann: Sonate g-moll
gespielt von Bruno Kliegl
Instrument: Klaviaturglasharmonika unter Verwendung eines Instruments von Sascha Reckert


Die Glasharmonika, die Benjamin Franklin erfunden hatte, kann in mancher Hinsicht als das Instrument des „empfindsamen Stils“ schlechthin gelten. Ihr ätherischer Klang bezauberte das Publikum, die Harmonikavirtuosen und –virtuosinnen (eines der ersten ausgesprochenen „Fraueninstrumente“) genossen einen europaweiten Ruhm – aber das Spiel auf dem Instrument galt als geradezu gesundheitsgefährlich für Leib und Seele. Das Reiben der sich drehenden Glasglocken mit den benetzten Fingerspitzen sollte die Tastnerven ernsthaft schädigen, die Schwingungen des Instruments sollten das Gemüt beeinflussen und zu Wahnsinn oder doch zumindest ernsthaften seelischen Störungen führen, eine Meinung, die man noch in Beschreibungen des Instruments im 20. Jahrhundert findet. Es mag zwar sein, dass in einer Epoche, in der Ohnmachtsanfälle beinahe alltäglich waren, die Glasharmonika Hörer und Spieler physisch und psychisch stärker erschüttern konnte als heutzutage, doch handelte es sich bei solchen Äußerungen um Dämonisierungen, die letztlich auf das schon damals für Sensationen empfängliche Interesse des Publikums abzielten.

Wie konnte man nur die Glasglocken der Harmonika in Schwingung versetzen, ohne sie direkt mit den Fingern zu berühren, am besten noch in Verbindung mit einer Tastatur, um das Instrument jedem „Clavieristen“ zugänglich zu machen? Ein erster Vorschlag hierzu im Jahre 1766 zog eine Reihe von Konstruktionen nach sich, denen gemeinsam ist, dass keiner der „Erfinder“, ob Hessel (1784), Carl Leopold Röllig (1787), Franz Konrad Bartl (1791), Wilhelm Chr. Müller (1795) oder Heinrich Klein (1798) wichtige Details wie die genaue Beschaffenheit der Streichkörper auf den Tasten öffentlich machte. Letztlich scheinen alle Tastenharmoniken an einem Problem gescheitert zu sein, das offenbar kein Konstrukteur zu lösen vermochte:
Nach einiger Zeit des Spielens trockneten die Streichpolster auf den Tasten ab und konnten nicht mehr genügend Reibung auf die Glasglocken ausüben, so dass nach etwa einer Viertelstunde das Spiel unterbrochen werden musste, um die Glocken erneut zu benetzen; tat man dabei aber „des Guten zuviel“, rutschten die Glocken durch und das Instrument klang ebenfalls nicht mehr.

Die Journale der damaligen Musikpresse unterließen es nicht, das geneigte und interessierte Publikum über Auftritte diverser Tastenharmonikaspieler und das real oder auch nur vermeintlich Neue jeder neuentwickelten Tastenharmonika zu unterrichten; dennoch erging es der Tastenharmonika wie dem Streichklavier und anderen faszinierenden „Erfindungen“: immer wieder von Neuem erfunden, vielbestaunt, bald funktionsuntüchtig und wieder vergessen zu werden, bis sich der nächste daran versuchte.


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