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Das Streichklavier

Das „Nürmbergisch Geigenwerck“ des Hans Hayden
Tafel III aus Michael Praetorius, Theatrum Instrumentorum, Wolfenbüttel 1620 (Bildanhang zu seinem Syntagma Musicum II. De Organographia, Wolfenbüttel 1619).

Das wohl berühmteste aller Streichklaviere war Hans Haydens „Geigenwerck,“ das Praetorius ausführlich beschrieb und anpries; es blieb allerdings kein Instrument Haydens erhalten.

Streichklaviere sind ein uralter Traum der Instrumentenbauer. Schon Leonardo da Vinci entwarf einen Mechanismus für ein gestrichenes Tasteninstrument („Viola organista“), und das erste brauchbare Instrument, das „Nürmbergisch(e) Geigenwerck“ oder „GeigenClavicymbel“ des Hans Hayden (vor 1610) wurde von den Zeitgenossen gerühmt und bestaunt. Es blieb jedoch davon nur eine freie Kopie des Spaniers Fray Raymundo Truchado (in Brüssel) erhalten.

Im Abstand von jeweils etwa einem Jahrhundert (manchmal aber auch nur von wenigen Jahren) folgte eine Neuerfindung auf die andere. Vereinzelte Kompositionen entstanden wie etwa von Carl Philipp Emanuel Bach (Sonate fürs Bogenclavier H 280 von 1783) für das „Bogenklavier“ von Hohlfeld in Berlin oder von Carl Maria von Weber (Adagio und Rondo mit Orchester von 1811) für das „Harmonichord“ von Kaufmann in Dresden; dennoch konnte sich keine dieser Erfindungen auf längere Sicht bewähren.

Die Grundkonstruktionen bedienten sich entweder dem von der Drehleier entlehnten kolophonierten Streichrad oder einem Rosshaar- oder Textilbogen als Endlosband bzw. in Gestalt eines „entlehnten“ Violinbogens („Claviola“); einige Konstruktionen transferierten Chladnis Erfindung des „indirekten Streichkörpers“ aus dessen Euphon (dabei wird nicht die Saite selbst, sondern ein mit ihr verbundener Festkörper, z. B. ein Metalldraht o.ä. angestrichen, der die Schwingung auf die Saite überträgt). Das Grundproblem aller Streichklaviere blieb jedoch ungelöst: Wie sollte man eine einzelne Saite aus den Dutzenden Saiten eines Klavierbezuges gezielt anstreichen, ohne entweder die Saite zum Bogen etc. hin zu bewegen (und sie damit zu verstimmen) oder den Streichmechanismus zur Saite hin bewegen zu müssen (und damit wahrscheinlich mehrere Saiten zu treffen wie beim Streichrad, den Haarbezug nach einiger Zeit zu zerreissen wie beim Rosshaarbogen oder nur eine „stotternde“ Ansprache zu bekommen wie beim indirekten Anstreichen nach Chladni).

So ist trotz einer Geschichte von mehr als vier Jahrhunderten bislang noch immer kein befriedigend funktionierendes Streichklavier erfunden. Der Traum vom “Streichorchester für Pianisten“ wartet immer noch auf seine konkrete Realisierung. In den Zeiten digitalen Klangsamplings besteht vielleicht auch kein besonderes Interesse mehr an einer sicherlich technisch sehr aufwändigen Konstruktion eines Tasteninstruments mit gestrichenen Saiten.

© Greifenberger Institut für Musikinstrumentenkunde 2010 | info@greifenberger-institut.de